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Sonntag, 1. September 2019

Parantatatam - es muss sich was ändern!

In den letzten Jahren als Lehrer gab es für mich zwei Begegnungen mit Schülern, die mich meine eigene Tätigkeit tiefgehend hinterfragen ließen. Beide Male hatte ich hernach das Gefühl, dass mein Unterricht, ja womöglich Schule an sich, grundsätzlich an der Lebenswelt unserer Schüler*innen vorbeigeht

Das erste prägende Erlebnis hatte ich während meines Referendariat.
Ich war mit einem Basketballkurs in der Sporthalle und versuchte den Schüler*innen den Standwurf nahezubringen. Anschließend sollten die Schüler*innen verschiedene Übungen selbstständig ausprobieren. Ein Schüler nutzte diese Phase jedoch immer wieder, um kleine Breakdance-Moves zu vollführen. Er machte dies mit beeindruckender Leichtigkeit. Seine Körperbeherrschung faszinierte mich. Ich ging zu dem Schüler und fragte ihn, ob er in seiner Freizeit Breakdance übe. Er bejahte dies und hieß mich willkommen, ihn doch bei einem der nächsten Wettkämpfe zu besuchen. Ich sagte zu.
Ein paar Wochen später fand ich mich vor einer großen Bühne in einem ziemlich dunklen Club ein. Der Raum war voll, alles junge Leute, viele im Alter des Schülers. Dann begann die Battle. Mit einer Selbstsicherheit, einer Athletik und Dynamik feierten beide Teams wahre Meisterwerke der Choreografie ab, so dass ich nicht umhin kam, mit offenem Mund das Treiben zu bestaunen. Tanzende Körper in Raum und Zeit. Das Menschen so etwas können können! Ich war perplex und noch in der Halle beschlich mich ein fades Gefühl. Ich erinnere mich noch ganz genau an die damit einhergehenden Gedanken. Ich begann mich zu fragen, welchen Wert mein Unterricht wohl für diesen Schüler haben mochte. Für sein Leben, seine Persönlichkeit, sein Jetzt. Ihm den Standwurf in Basketball beibringen zu wollen, erschien mir seinem körperlichen Können fast unwürdig, der Ansatz meines Unterrichts auf einmal, nun ja, popelig. 

Ein zweites Erlebnis hatte ich gut 10 Jahre später. 
Ein ehemaliger Schüler besuchte uns in der Schule. Ich selbst hatte ihn je fünf Stunden die Woche unterrichtet. Der Schüler war mir und einigen meiner Kolleg*innen als ziemlich theatralisch im Gedächtnis geblieben. Womöglich liebte er den großen Auftritt, vielleicht das Drama oder war schlichtweg in diese Rolle gerutscht, um so seinen Schulalltag zu bewältigen. In jedem Fall stand er nun vor mir, dem Schulkontext entwachsen. Ich fragte ihn, was er nun mache. Er erzählte mir, dass er Tontechnik studiere. Aha! Ja, er hatte auch schon während der Schulzeit viel Klavierunterricht und verfüge zudem über ein absolutes Gehör. Egal ob letzteres stimmen mag oder nicht, wie kann es sein, dass ein Schüler intensivst Klavier spielt, die Musik liebt und wir - als Lehrer*innen - davon so gut bis nichts mitbekommen? Wie kann es sein, dass Schule die Schüler*innen in ihren Fähigkeiten so schlecht abholt? Wo waren die Verknüpfungen seines Talents mit den Inhalten des Unterrichts? Vielleicht im Fach Musik. Aber wieviel und warum nur da? Und warum hatte ich davon keine Ahnung? Wäre sein Talent in projekthaftem, ganzheitlichem Unterricht mehr zur Geltung gekommen?

Käptn Peng - Bildquelle: hier.
Diese beiden Beispiele führen mich zu einem Künstler, den ich sehr verehre. Es handelt sich um Robert Gwisdek alias Käptn Peng. Als ich seine Wortakrobatik und seinen philosophischen Tiefsinn zum ersten Mal in dem Song "Sockosophie" hörte, ging es mir ähnlich wie bei der Breakdance-Battle: Wie kann ein Menschen das können? 
Ich begann mich mit Gwisdek und seinem Alta Ego Käptn Peng zu beschäftigen. Ich hörte die (Lieder)texte rauf und runter. Dann las ich in den Weiten des Internets, dass Gwisdek die Schule abgebrochen hatte, um Schauspieler zu werden. Ich weiß noch, dass ich dachte: Wie konsequent! Sicherlich hatte auch die Schule ihren Anteil daran, dass Gwisdek kann was er macht. Aber wie groß mochte dieser Anteil sein? Es schien mir in seinem Fall unbedingt so sein zu müssen, dass seine  spätere Schulzeit für Gwisdek nichts als Fesseln, Schranken, Begrenzungen und Einschränkungen gewesen sein musste. Wie wäre es anders denkbar? Ein Mensch wie er - so voller Energie, Kreativität, Explosivität, Eigensinn, Andersartigkeit, Neugierde, Experimentierfreudigkeit, Sprachgewalt, Witz, Expressivität, Sensibilität, Scharfsinn, (Selbst)Reflexion und (Selbst)Entgrenzung - wie wäre es denkbar, dass er sein Talent in den Strukturen, Rhythmen, Normen, Begrenzungen, Vorgaben, Hierarchien, Gewalten, Bewertungen und der abrechnenden Logik von  Schule entfalten könne? Wäre das irgendwie denkbar? Zeigt sich hier nicht vielmehr ein grundlegender Widerspruch zwischen Individualität und Institution?
Es ließe sich an dieser Stelle vortrefflich darüber streiten, was Schule leisten sollte. Doch egal Anhänger welchen Ergebnisses dieser Diskussion man auch immer ist, müssten nicht wir alle dafür plädieren, dass Schule (noch) mehr zu dem wird, wie ein (großer?) Teil ihrer Schüler*innen ist - energetisch, kreativ, a-rhytmisch, besonders, bunt, offen, zerstreut, fragend, pulsierend, humorvoll, schmuckvoll, sensibel, emphatisch, bejahend, diskursiv, herausfordernd, gar wabernd?

In seinem Roman "Der unsichtbare Apfel" (S. 19f.) ist Gwisdeks Hauptfigur, Igor, über folgende schulische Tatsache sehr ungehalten:
"Je länger er in die Schule ging, desto wütender wurde er auf die Zeitverschwendung, die sie darstellte. Auswendiglernen abstrakter Inhalte, Befolgen seltsamer Verhaltensregeln, nie enden wollendes Wiederholen unwesentlicher Themen. Nicht nur, dass die Schule nichts trainierte, was er brauchte, auch war sie verkrümmend und sparte das Wesentliche auf. Einmal bat er um eine Unterredung mit dem Direktor seiner Grundschule. Igor betrat sein Büro und schlug ihm vor, dass es ein Fach geben sollte, welches mit verbundenen Augen abgehalten würde. Er sagte, dass er nun schon zwei Jahre zum Unterricht komme, aber nichts finden könne, was den Tastsinn oder das Gehör trainiere. Auch sein Geruchssinn werde nicht geübt, geschweige denn die Fähigkeit, mit Tieren zu sprechen."    
Fantastisch! Diesen Auszug würde ich am liebsten jeder Fachkonferenz vorlegen, damit die betreffenden Lehrer*innen ihr Fach, nein, damit sie Schule lustvoll neu zu denken wagen. Verdammt nochmal, lasst uns Platz für´s Haptische und Sinnliche schaffen!

In dem Song "Neue Freunde" ist Gwisdeks Kritik an Schule gar grundsätzlicher. Ab 00:42 heißt es hier wie folgt:
"Und beschwere mich bei Dingen, die mich schwerer machen
Als guter Schüler muss ich über meine Lehrer lachen
Wissen esssen und beflissen jeden Fehler machen
Ihr macht Stress ohne Grund (yeah!)
Stress könnt' jeder machen
(...)
Denn ihr müsst eine Lüge leben
Sie füttern, pflegen und ihr eine schöne Bühne geben
Zugegeben ich will euch die Beine von den Stühlen sägen
Mit euch auf'n Boden liegen und über Gefühle reden (yeah!)
Endlich haben wir zusammen gefunden
Liegen bleiben, ich hab eure Schnürsenkel zusammengebunden!".
  Spannend. In dieser Textpassage ist viel Kritik verpackt. Für mich steht der neuralgische Punkt am Ende. Wir Lehrer*innen müssen eine "Lüge leben, sie füttern, pflegen und ihr eine Bühne geben". Wow! Das geht tief. Alles andere ließe sich wegbügeln oder gar ändern. Aber hier wird ein Zwang zur Lüge benannt, die gepflegt und präsentiert werden will. Nahezu eine Art Ur-Zwang des (heutigen) Lehrerseins, sein unumstößliches a priori.
  Natürlich ist diese Textstelle stark interpretierbar. Was könnte sie bedeuten? Ich sehe vor allem folgende Lüge: Wir Lehrer*innen halten ein Schulsytem aufrecht, dass wir im Grunde genommen verachten (müssten). Denn Schule steht in Vielem im Widerspruch zu dem, was pädagogisch, lernpsychologisch und sozial wünschenswert ist. Unter hohem (zeit)ökonomischen Druck lassen wir (wider besseren Wissens) zu, dass sich Schule falsch strukturiert.

Zeit für ein Fazit. Was zeigen uns die drei genannten Beispiele?

1. Schule muss der LEBENSWELT der Schüler*innen mehr Rechnung tragen (Breakdance - Beispiel I). 
Diese Erkenntnis wird jedem Referendar und jeder Referendarin gleich zu Beginn der Ausbildung ans Herz gelegt und dennoch zeigt die Realität wie wenig das stattfindet. Es reicht einfach nicht, die curricularen Vorgaben für den Unterricht mit einer Frage aus vermeintlicher Schülersicht zu verknüpfen. Schule muss schaffen die Lebenswelten der Schüler*innen auszugsweise einzufangen. Möglich wäre das über entsprechende AGs, über das gemeinschaftliche Teilnehmen an den Freizeitaktivitäten der Schüler*innen, über kreative und offene Aufgaben, über Projektunterricht, über Morgenkreise, Rederunden, Diskussionsforen, Schülerzeitung, gemeinsame Unterrichtsgestaltung und -planung, u.v.m.

2. Schule muss den TALENTEN der Schüler*innen mehr Rechnung tragen (Beispiel II, verkanntes Talent).
Zu aller erst muss sie hierzu all ihre Sinne schärfen, um die Talente ihrer Schüler*innen zu erkennen und zu erfassen. Sie muss derart Stärken-orientiert sein und eine geeignete Sensorik entwickeln. Sie sollte zunehmend mehr Fragen stellen als Antworten geben und ihre Fähigkeit Zuzuhören schulen. Sie sollte die ihr Anvertrauten mehr als Menschen und weniger als Lernkörper sehen. Dazu gehört auch, ihnen mehr echte Verantwortung zu übergeben. Sie sollte zudem Gefühlen etwas mehr und dem Wissen etwas weniger Platz einräumen (und zwar im Unterricht) als bisher. Und Schule sollte die Individualität ihrer Schüler*innen so betrachten, wie es der Begriff an sich verlangt - als Unteilbares. Die ständige Relativierung durch das in Relation-Setzen zu den anderen, sollte auf ein Minimum begrenzt werden.

3. Wir Lehrer*innen müssen eine andere Form der Schule wollen sollen (Beispiel III - Käptn Peng).
Ein "Weiter wie bisher" erscheint angesichts der Ergebnisse von Schule im Vergleich zum denkbar Möglichen als nicht geboten. Vielmehr müsste sich Schule auf den Weg machen, sich stückweise zu Ent-Institutionalisieren, um Individualität Freiraum zu gewähren. Wir selbst müssten wagen, Schule mutiger, teils radikal neu zu denken - d.h. auch unseren Unterricht und die in ihm gefundene, unsere Rolle.
Wie kann Schule es schaffen die Kraft des Individuellen, des Bunten, der Vielfalt zu nutzen, sie zu Tage treten zu lassen, sie zu hegen, zu potenzieren? Mit den Strukturen, Grenzen und Begrenzungen der meisten heutigen Schulen eher weniger. 

"Parantatatam, etwas möchte beginnen
Etwas - möchte von außen nach innen
Etwas - möchte von innen nach außen
Etwas will sich mit Etwassen austauschen
Denn - etwas ist erwacht
Etwas - hat jetzt lang genug im Dunkeln verbracht
Etwas - hier drin will zerspringen und zerfetzen
Etwas steht jetzt auf und wird sich nie wieder setzen!"

Hoffen wir mal, dass Schule nicht das Dunkel ist, was Peng hier besingt. Hoffen wir, dass Schule sich in Zukunft zum Besseren wandeln möge. Parantatatam!





Donnerstag, 5. Oktober 2017

Der Krüppel.

Was haben Aristoteles, Luther und Darwin gemeinsam? 
Antwort: Sie alle sehen im behinderten Menschen ein Wesen, dass es zu bekämpfen gilt (auszusetzen/ zu ersäufen, zu verbrennen/ wegzusperren).  

Da wundert es kaum, dass bis in die heutige Zeit behinderte Menschen mit Argwohn betrachtet und als Störung empfunden werden. Zu tief sitzen die tradierten und über die Jahrhunderte gepflegten Vorbehalte. Behinderte wurden und werden kulturübergreifend auf mannigfaltigste Art und Weise instrumentalisiert. Indem man sie als Gefahr oder Kuriosum brandmarkt(e), dien(t)en sie der Gesellschaften zur:
  • Beruhigung
  • Normierung 
  • Unterhaltung
  • Statussicherung
  • Identitätsbildung
  • Leistungssteigerung
  • Unterwerfung Anderer, vornehmlich der Frau
  • sowie als Erklärungsmuster.

Mit Hilfe des sehr quellenreichen, informativen, zugleich aber auch sehr redundant gehaltenen Buches "Der Krüppel", von Klaus E. Müller, lässt sich die Instrumentalisierung des behinderten Mensch auszugsweise (und sicherlich nicht frei von Fehlern) wie folgt skizzieren:


Hierbei lässt sich ein Dreigestirn der Unterdrückung des Behinderten herauslesen: GLAUBE, MACHT und FORTPFLANZUNG gehen in einem Spiel mit der Angst als treibende Kräfte Hand in Hand.
Dem Glauben (auch von Naturvölkern, siehe K.E.Müller) kommt die Funktion der Wertung zu. Er macht den Behinderten aufgrund seiner Andersartigkeit zum Schuld-beladenen Sündenfall und disqualifiziert ihn derart auf moralische Art und Weise. 
Die Macht bedient sich dieser Wertung. Sie setzt zudem auf Stigmatisierung (im Einklang mit der erfolgten moralischen Disqualifizierung), um Behinderte auszugrenzen, sprich zu ex-kludieren. Die praktisch vollzogene Stigmatisierung jedweder Art und Weise dient so v.a. dazu, den Versehrten ex-klusiv werden zu lassen. Diese Ex-klusivität wird gesteigert, indem sich die Macht dem Gegenstück zum Fremden zuwendet - dem WIR. Man könnte von einer negativen Identitätsbildung sprechen: indem das Fremde/ der Behinderte als Gefahr überhöht und detailreich skizziert wird, erscheint schemenhaft das eigene (Volks-) Ich. Dieses wird heroisiert, ent-makelt, zur Norm erhoben.
Von der Norm, der Schuld und dem Sündenfall Behinderung ausgehend entwickelt jede Gesellschaft ihre Regeln und Rituale, um ihre Fortpflanzung zu organisieren.  Fortpflanzung ist keine(!) Freizone von Mann und Frau. Das wird in dem Buch von MÜLLER überdeutlich. Im Gegenteil, es scheint fast nichts so stark reglementiert, wie die Art und Weise in der die Menschen einer Gesellschaft ihr Fort-Bestehen sichern. Ein wirksames Mittel hierzu ist das Aufstellen von Tabus. Das Interessante hierbei, diese Tabus sollen die Gesellschaft davor schützen, behindertes, also widerwärtiges - weil sündiges  -  sowie un-Norm-ales Leben in die Welt zu setzen. Um dies zu erreichen wird um die Frau herum ein regelrechtes Regel- und Ritualmonstrum geschaffen (Schwangerschafts-, Menstruations-, Verhaltens-, Aufenthalts-, Ernährungs-, Betätigungs-, etc.-Regeln). Das Spiel mit der Angst vor dem behinderten Kinde dient letztlich der Unterdrückung der Frau, eine besonders widerwärtige Instrumentalisierung des behinderten Menschen - wie ich finde.

Halten wir fest. Der Behinderte wird seit Jahrhunderten auf mannigfaltigste Art und Weise instrumentalisiert. Derart missbraucht und dabei an den äußersten Rand der Gesellschaft getrieben, dient er als bloßes Mittel zum Zweck.  


Was lässt sich für unser Thema - Inklusion - festhalten?


Nun, zu aller erst denke ich, dass Inklusion jedweder Instrumentalisierung zuwiderlaufen sollte, indem sie die Würde des Behinderten – d.h. ihn in seinem Menschsein, d.h. in seiner Bedürftigkeit – ins Zentrum all ihrer Überlegungen stellt. 

Konkret ergeben sich folgende Forderungen an unser Schulsystem:
  1. Ein Schulsystem das LEISTUNGsNORMEN in den Mittelpunkt seiner pädagogischen Überlegungen stellt, lässt den Behinderten zur Störung werden (bspw. Gymnasien als NonPlusUltra). Eine inklusive Schule setzt demgegenüber ihren Schwerpunkt auf die individuelle Entwicklung jedes einzelnen. Diese wird geWERTschätzt.
  2. Die Ausrichtung des Einzelnen an NORMEN ist zugleich die Ausrichtung an Idealen. Sie ist derart stets auch Ausdruck der Angst vor Individualität. Eine inklusive Schule schafft folgerichtig vielfältigsten und gesicherten Raum zur Entwicklung von Individualität.
  3. MACHT (im klassischen Sinne) zeigt sich u.a. in Paarungen wie Stigmatisierung&Gunst, Unterdrückung&Hofierung, Ämterverwehrung&Ämterzugang, Ent-Stellungen&Anstellungen, Peripheriezuweisung&Zentrierung. Eine inklusive Schule löst diese Paarungen in Richtung Wertschätzung, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Partizipation - und zwar im Herzen der jeweiligen Gemeinschaft (am Puls des jeweiligen Geschehens) - auf.
  4. Die INSTRUMENTalisierung behinderter Menschen zielt u.a., wenn nicht gar vordergründig, auf die Unterwerfung der FRAU. Sie ist Zeichen eines maskulinen, patriarchalischen Machttypus. Eine inklusive Schule stärkt in besonderem Maße die Position der Frauen und Mädchen.
Ich habe in meiner Fortbildungszeit über das Buch "Der Krüppel" eine Literaturpräsentation gehalten (siehe HIER). Am Ende kam die Frage auf, ob ich glaube, dass auch heute noch der Behinderte instrumentalisiert wird, um die Frau zu unterdrücken. Damals fand ich nicht die richtigen Worte. Heute würde ich antworten, dass dem meiner Meinung nach nicht mehr so ist. Eher ist die Situation schlimmer geworden. Mit Michelle FOUCAULT - dessen Analysen und daraus resultierenden Ideen ich sehr überzeugend finde - würde ich antworten, dass sich der Machttypus verändert hat. Vom destruktiven, personalisierbaren (König und Schwert) hin zum produktiven, dezentralen Machttypus (Wissen ist Macht). In der Konsequenz hieße das, dass der Fokus der Unterwerfung (denn letztlich unterwirft auch der neue Machttypus, wenngleich subtiler und raffinierter) nicht mehr einzig auf der Frau liegt, sondern sich auf uns alle erweitert hat. 
Ich werde diesen Gedanken in einem weiteren Beitrag präzisieren. 

An dieser Stelle möchte ich mit folgendem Gedanken enden:

Wenn Inklusionsbefürworter ihre Haltung belegen wollen, so bedienen sie sich nicht selten folgender Argumentation. "Behinderte SchülerInnen tun dem Lernklima einer Klasse gut und beeinflussen die Lernleistung aller positiv“
Worauf weist diese Argumentation, wenn nicht darauf, dass sie ganz im Sinne der zu beendenden Tradition steht? Auch hier wird der Behinderte nicht seiner selbst willen gesehen. Vielmehr wird seine Instrumentalisierung bejaht, da sie Disziplin und Leistung(ssteigerung) hilft sicherzustellen. 

Auf die Frage „Warum Inklusion?“ wäre meines Erachtens die beste aller Antworten: Weil der Behinderte ein Mensch ist und als solcher zurück ins Zentrum der Gemeinschaft gehört. 




Dienstag, 30. Mai 2017

Trainiert uns in Kommunikation!

Mit einer meiner Lerngruppen bin ich zu Gast in einer anderen Schule, wo wir deren Sporthalle nutzen dürfen. Auf dem Weg zu den Mädchenumkleiden haben zwei "meiner" Schülerinnen (13 Jahre) eine vorbeilaufende Grundschülerin bedroht. Sie dürfe nicht in das obere Stockwerk gehen, wo wir Sport haben, da dort ein ein Verrückter auf sie warte, der ihr Gewalt antun würde. Danach wurden sie handgreiflich, rüttelten das Mädchen an ihren Schultern gepackt kräftig durch und drohten ihr erneut. 
Der "Fall" landete bei mir, als eine besorgte Lehrerin der Grundschule mitten im Unterricht auf mich zutrat und um Klärung des Vorfalls bat. Ich brach den Unterricht ab. Dann Zeugenbefragung und so weiter. Nach Klärung der Sachlage führte ich den Unterricht fort, an dessen Ende ich die beiden Mädchen zur Rede stellte. Was sich in diesem Gespräch zutrug war unglaublich! Es war der Prototyp eines Konflikt-Gesprächs zwischen Lehrer (mir) und einer der beiden Schülerinnen, die aus schwierigen familiären Verhältnissen kommt. Das Gespräch strukturierte sich in vier Phasen:

1. Leugnen (Lügen, Abstreiten)
"Ich?" - ungläubiges Gesicht, nahe am Entsetzen. "Ich, ich habe nichts gemacht!" Diese Phase allein finde ich jedes Mal auf´s Neue hochgradig beschämend, befremdlich und unglaublich rätselhaft. Man kann es förmlich fühlen, wie sehr hier von der Wahrheit abgerückt wird und schlimmer noch, man fühlt auch, dass es der Gegenübersitzenden ganz ähnlich ergehen muss. Diese Diskrepanz zwischen Mimik, Gesagtem einerseits und der Tat andererseits, sie schreit zum Himmel! Es ist ein schamloses Ins-Gesicht-Lügen und irgendwie auch eine beeindruckende schauspielerische Leistung. Sie gefährdet die in Schule von Schülern und Lehrern gemeinsam umhegte und so überaus kostbare Pflanze namens Vertrauen. 

2. Bagatellisieren
Ein Pokerface ist immer ein Face auf Zeit. Früher oder später bekommt es im Angesicht der kalten Fakten kalte Füße. Dann folgt Phase 2. 
"Ja, okay, ich war dabei. Die Grundschülerin kam auf uns zu, hat uns gefragt, wer wir sind. Wir wollten mit der gar nicht reden. Das haben wir ihr gesagt."
Oh, das war es schon? Da haben die vier Zeugen etwas ganz anderes berichtet. 
Erneut gehe ich auf die unabhängig voneinander getroffenen Aussagen der Grundschülerin, ihrer Freundin sowie zwei Schülerinnen aus meiner Klasse ein. Das Gespräch wird nun zäh, denn es wird jetzt um die Wahrheit gerungen bzw. um die eigenen Reputation gekämpft, die durch Phase 1 ja leider schon etwas gelitten hat. Als Lehrer gilt es beharrlich zu sein, dann folgt Phase 3.

3. Schuld umkehren
"Krass, früher in ähnlichen Fällen hat nie ein Lehrer auf so etwas reagiert, aber jetzt, jetzt auf einmal wird daraus ein großes Ding gemacht." Diese Reaktion ist ähnlich der, die man viel häufiger hört und die exakt in die gleiche Kerbe haut: "IMMER ICH!" Dem Lehrer wird hier tiefenpsychologisch der Schwarze Peter zugeschoben. Die Täterin macht sich hier zum Opfer! Es geht auf einmal gar nicht mehr um den Fall und die Fakten, das eigene Fehlverhalten und die sperrige Möglichkeit einer Entschuldigung, nein, auf einmal wird auf einer Metaebene die scheinbare Ungerechtigkeit des Zur-Rechenschaft-Ziehens in den Vordergrund geschoben. Ich habe schon oft erlebt, wie mir in dieser Phase als Lehrer die Kontrolle des Gesprächs entglitten ist. Auf einmal wird es ganz diffus und haarig. Betritt man diesen Pfad des Gesprächs, d.h. verlässt man seine vorherige Linie, um sich hier zu rechtfertigen, hat der Schüler in 9 von 10 Fällen gewonnen. Die Konsequenz ist dann oftmals, dass der Schüler es tatsächlich schafft - außer des Streitgesprächs mit dem Lehrer - relativ ungeschoren davon zu kommen. Schlimmer noch, er schafft es oftmals den Lehrer derart unter (moralischen) Druck gesetzt zu haben, dass dieser sich kurz vergisst, den Pfad der Tugend tatsächlich aus den Augen verliert und somit dem Schüler nachträglich und ganz unfreiwillig doch Recht gibt. Denn nun beginnt der einstige Täter tatsächlich zum Opfer zu werden (Ein auf ein sitzendes Kind schreiender Lehrer! Wer ist hier in den Augen Außenstehender Täter und wer Opfer?). 

4. Verantwortung abgeben
"Wär ich heute bloß zu Hause geblieben, dann wär das alles nicht passiert!" 
Die Schülerin beschreibt sich als Opfer des Schicksals (die Täterin macht sich also zum wiederholten Male zum Opfer). Sie stilisiert sich als Opfer höherer Mächte. Passiv ist sie eine vom Leben Getriebene. Kein Gedanke daran, dass sie auch zur Schule hätte gehen und wählen können zwischen Drohen und Nicht-Drohen. Nein, diese Wahl schien sie irgendwie nicht gehabt zu haben. 
Verantwortung, Schuld, Selbstbewusstsein - diese Drei gehen hier Hand in Hand einen unschicken Gang. Wer das Schicksal in moralischen Fragen höher wähnt als das eigene Selbst, dem mangelt es ganz offensichtlich an Selbst-Bewusstsein. Wem es derart an Selbstbewusstsein mangelt, der kann im Schatten dieses übermächtigen Schicksals keinerlei Schuld tragen. Woher soll so jemand ein Gefühl für Verantwortung bekommen?


Warum schreibe ich das auf? 
WEIL ich mich frage, wo in unserer Ausbildung wir die Art zielorientierter, schuladäquater  und gewaltfreier KOMMUNIKATION erlernen? Ich kann mich an keinen derartigen Baustein meines Studiums oder Referendariats erinnern. 
Ich selbst habe mich heute im Gespräch nicht ganz kontrollieren können. Auf einer Skala von 1-10 würde ich mir eine 6 geben. Den Schwarzen Peter habe ich mir zwar nicht unterschummelnd lassen (das ist gar nicht mal so schlecht), aber mein Ton war aggressiv. Zu aggressiv. 

Wenn Inklusion heißt, dass man keinen Schüler und keine Schülerin beschämt, wenn es bedeutet, dass man auch SchülerInnen aus schwierigsten Verhältnissen und mit schwierigsten Persönlichkeiten die Hand reichen sollte, gilt das dann nicht auch und gerade für die schwierigsten Situationen, bspw. einen Konflikt? SchülerInnen, die nicht gelernt haben Verantwortung zu übernehmen, SchülerInnen, die zu Hause selbst erniedrigt werden oder Beschämung und Gewalt erdulden müssen, woher sollen sie wissen, wie man mit Schuld und Verantwortung adäquat umgeht? Was müssten wir LehrerInnen lernen, damit wir von diesen SchülerInnen auch in schwierigsten Situationen nicht abweichen und was müssten wir lernen, um uns gleichzeitig vor ihren Fallen, Tricksereien und Nebelkerzen zu schützen? Und letztlich: Inwieweit müsste ein Fach Namens KOMMUNIKATION verbindlich und in welchem Umfang für die Lehrerausbildung festgeschrieben sein?

Anbei ein paar Literaturvorschläge:
(Weitere folgen)



Donnerstag, 6. April 2017

Gute Schule.

"Was ist eine gute Schule? Was ist guter Unterricht? Wie entsteht ein gutes Schulklima? Was zeichnet eine gute Schulleitung aus?
In dem 2009 erstmals veröffentlichten Karteikasten „Gute Schule“ geben Berliner Lehrkräfte und andere Fachleute aus dem Bildungsbereich Antworten auf diese und ähnliche Fragen.
Die Karteikarten enthalten knapp und überschaubar grundlegende Informationen und praktische Hinweise zu den Themenbereichen Lehr- und Lernprozesse, Schulkultur und Schulmanagement.
Mit der zweiten überarbeiteten Ausgabe liegt ein Ratgeber aus der Praxis für die Praxis vor, der neue Themenbereiche wie die Lernausgangslage, Rechenstörungen, Demokratieerziehung und Cyber-Mobbing umfasst."

So heißt es auf der Senatsseite. Und tatsächlich, der Karteikasten macht interessante Angebote sowohl hinsichtlich der eigenen Unterrichtsgestaltung als auch der Schulentwicklung. Lesenswert!

Download hier.


Quelle:    https://www.berlin.de/sen/bildung/schule/gute-schule/, 06.04.2017, 15:24Uhr. 

Samstag, 1. Oktober 2016

Personalisiertes Lernen

Diese Woche wurde uns auf methodisch interessante Weise ein Buch nahegelegt, welches sehr verheißungsvoll zu sein scheint, wenn es um die Frage des personalisierten Lernens geht. 
Erste Einblicke in das Buch erhält man, wenn man auf das nachfolgende Bild klickt.

HEP-Verlag

In der Buchbeschreibung heißt es: 
"Dieses Buch ist deshalb ein Buch zum Nachdenken: Denn wer als Lehrerin oder Lehrer über seine Arbeit nachdenkt, muss über Aufgaben nachdenken. Wer über Aufgaben nachdenkt, muss über Lernen nachdenken. Und wer über Lernen nachdenkt, muss über Schule nachdenken. Es ist aber auch ein Buch zum Handeln: Denn erstens kommt es anders und zweitens wenn man (nach)denkt. Auf der Ebene des alltagspraktischen Handelns wird die Frage aufgenommen, was Lernaufgaben zu »guten« Aufgaben macht. Damit verbunden ist eine komplett andere und in vielen Teilen auch neue Sicht auf »Aufgaben« als Werkzeuge zur Aktivierung von Lernprozessen. Wirkungsstarke Lernaufgaben werden in prototypischen Formaten und Beispielen vorgestellt. Doch jedes Lernverhalten ist abhängig vom Kontext, in dem es stattfindet. Deshalb gilt auch für Lernaufgaben: Wie man sie einbettet, so liegen sie einem."

Die Macher des Buches sind übrigens eng verknüpft mit dem Beatenberg-Institut in der Schweiz. Ein Blick auf die entsprechende Homepage verspricht weitere Denkimpulse: www.institut-beatenberg.ch.